„Märchen sind Masken“

geschrieben von Luc Birraux
La Monnaie, Belgien

Nach CENDRILLON und DON QUICHOTTE inszeniert Laurent Pelly mit DER GOLDENE HAHN zum dritten Mal einen magischen Opernstoff für das Théatre de la Monnaie in Brüssel. Im Interview spricht der französische Regisseur über die besondere Strahlkraft russischer Erzählungen und den Zauber der Märchen.

© ®Baus _ De Munt La Monnaie

 

Luc Birraux (LB): Herr Pelly, Sie haben eine Vorliebe für fantastische, traumähnliche Geschichten an der Oper. Was hat Ihnen an Nikolai Rimski-Korsakows DER GOLDENE HAHN gefallen?

Laurent Pelly (LP): Ich kannte den Komponisten Rimski-Korsakow nicht sehr gut. Als Peter de Caluwe mir die Regie angeboten hat, war ich von der Musik und dem Inhalt gleichermaßen begeistert. DER GOLDENE HAHN ist witzig, subversiv und rabenschwarz – eine fantastische Erzählung, die Politik und Zauberei vermischt. Im Theater habe ich verschiedene Stücke dieser Art auf die Bühne gebracht: DER NACKTE KÖNIG von Jewgeni Schwarz zum Beispiel oder DER SCHÖNE GRÜNE VOGEL von Carlo Gozzi. In diesen Werken verbinden sich Burleske, Pathos und ein beinahe naives Märchenspiel.

Eine fantastische Erzählung, die Politik und Zauberei vermischt...

LB: Das russische Märchenspiel hat in der Tat einige Besonderheiten …

LP: Ja, es geht schnell ins Absurde über. Das ist fast aber schon Teil der russischen Kultur und Literatur. Es scheint eine Art Tradition, eine tief verankerte Kultur zu geben, die Werte der Macht aufzugreifen und gleichzeitig einen sehr scharfen, pessimistischen Blick auf die Menschheit zu werfen. 

Laurent Pelly. Photo: Emmanuel Grimault

 

LB: DER GOLDENE HAHN entstand rund zehn Jahre vor der Oktoberrevolution. Hatte Rimski-Korsakow womöglich eine Vorahnung von den Wirren, die auf das Land zukamen?

LP: Ganz bestimmt. In der Geschichte selbst, aber auch in ihrem prophetischen Charakter steckt etwas Magisches. Wobei ich die Geschichte erzählen möchte, ohne sie zwangsläufig in einen historischen Zusammenhang einzubetten. Es geht eher darum, sie so anschaulich und lebendig wie möglich für ein heutiges Publikum zu machen, das nicht unbedingt die Hintergründe kennt.

In der Geschichte selbst, aber auch in ihrem prophetischen Charakter steckt etwas Magisches.

LB: Also keine Anpassung an die Gegenwart?

LP: Nein. Wissen Sie, Märchen sind Masken, hinter denen die Realität verborgen wird. Hier handelt es sich um eine scharfe Kritik an Autokratie, Despotie und Dummheit, die leider zu allen Zeiten gleich sind. Richtschnur ist für mich das Märchenhafte ebenso wie das Satirische, aber es geht auch darum, etwas Kindliches zu bewahren. Darum ist das Fantastische so wichtig, das aber auch Angst machen und gefährlich sein kann. In dieser Geschichte liegen das Fantastische und der Tod nah beieinander. Die Bühnenbildnerin Barbara de Limburg und ich werden in unserer Bearbeitung natürlich verschiedene Dinge einbauen, die an das Russland der vergangenen hundert Jahre erinnern, aber in allererster Linie geht es um das Menschliche. Anstatt das Werk in den Zusammenhang einer bestimmten Epoche zu stellen, möchte ich mich lieber eine emotionale, magische und fantastische Linie verfolgen.

Märchen sind Masken, hinter denen die Realität verborgen wird.

LB: Kommen wir auf die Figuren zu sprechen. Es scheint fast so, als seien sie entweder dumm oder böswillig. Könnten Sie einige davon näher vorstellen?

LP: Die auffälligste Figur ist der Astrologe: Er behauptet, die einzigen realen Personen der Geschichte seien die Königin und er selbst, dabei sind sie die fantastischsten von allen. Damit will er uns gerade von der Realität wegführen. Bei einem Stück gehe ich immer davon aus, dass es der Traum einer Figur oder des Autors ist, und DER GOLDENE HAHN ist für mich vor allem Dodons Traum. Am Ende erleben wir den Niedergang und den Alterswahnsinn des dummen Tyrannen, der gleichzeitig so ist wie alle Menschen. Er ist nicht der Erste, der sich am Lebensabend seiner Verantwortung entziehen möchte. Während er unter der erdrückenden Last der Macht versinkt, träumt er von beinahe naiver Ruhe und darüber hinaus von einer sinnlichen, erotischen Liebesgeschichte … fast hätte ich gesagt, wie letztlich alle Menschen. 

Rasputin und der Astrologe sind zwar nicht genau gleich, aber beide beherrschen die Kunst der Manipulation!

Auch der Astrologe hat keine ganz weiße Weste. Er steht gleichzeitig innerhalb und außerhalb der Handlung. Das ist übrigens eine recht moderne Idee. Ist die ganze Geschichte womöglich nur hinterhältige Berechnung, um die Königin zu gewinnen? Mit seiner hypnotischen Art und den strähnigen langen Haaren erinnert er mich ein wenig an Rasputin, eine ganz unglaubliche Figur: Er hat mit nichts angefangen und es geschafft, den Zar und seine Familie zu manipulieren. Rasputin und der Astrologe sind zwar nicht genau gleich, aber beide beherrschen die Kunst der Manipulation! 

© ®Baus _ De Munt La Monnaie

 

LB: Was ist mit dem Hahn – ist er wirklich eine Figur?

LP: Hühnervögel sind nicht besonders intelligent. Zumal dieser Hahn im Grunde eine Art Mordwerkzeug ist: Zwar soll er zunächst das Königreich vor Angriffen von außen schützen – oder zumindest die Ruhe des Königs bewahren –, letztlich bringt er ihm aber den Untergang. Er ist ein dummer Hahn! Und er spielt unter den verschiedenen Figuren durchaus eine wichtige Rolle.

LB: Wie werden Sie all das auf der Opernbühne darstellen?

Ihr irrationaler, rätselhafter Aspekt macht Märchen zu etwas Unendlichem.

LP: Beim Bühnenbild wollten Barbara und ich Rohheit ausdrücken, gleichzeitig aber auch etwas Absurdes und Träumerisches. Im Mittelpunkt der Aufführung wird ein schwarzer Felsen stehen, der die Knechtschaft des Volkes zum Ausdruck bringt, und ein riesiges, prunkvolles Bett – der Wunschtraum des Königs. Die Figuren, die auf dem Felsen umhergehen, sind alle weiß gekleidet und werden nach und nach beschmutzt. Wenn ich an ein solches Thema herangehe, versuche ich immer, poetische Lösungen für die Darstellung zu finden und sie nicht in eine Richtung einzugrenzen. Ein Werk wie DER GOLDENE HAHN ist für mich außergewöhnlich, weil es so vielschichtig ist. Ihr irrationaler, rätselhafter Aspekt macht Märchen zu etwas Unendlichem, die Möglichkeiten der Interpretation sind unbegrenzt. DER GOLDENE HAHN ist reine Poesie. Das Werk und die Musik führen jeden zu sich selbst zurück.