Die Kunst, sich selbst zu befreien

geschrieben von Hedda Høgåsen-Hallesby
Den Norske Opera & Ballett, Norwegen

Calixto Bieito hat zwar selbst schon herzlich bei der TOSCA gelacht, weigert sich jedoch, die Oper zum reinen Unterhaltungswerk herabzustufen. Jetzt will er Puccinis populäres Werk um einige Opernklischees bereinigen.

Den Norske Opera: Tosca
© Foto: Erik Berg

 

„Als Kinder hörten mein Bruder und ich uns immer wieder die TOSCA auf Kassette an. Und wir mussten beide weinen.“

 

Hedda Høgåsen-Hallesby (HHH): Was brachte Sie zum Weinen?

Calixto Bieito (CB): Die Musik der Schlussszene. Was haben wir geweint! Aber als ich älter wurde, so mit 17, und die TOSCA auf der Bühne sah, musste ich bei der Schlussszene lachen.

HHH: Sie haben bei der Selbstmordszene gelacht?

CB: Ich hatte diese Geschichte gehört, wo Bühnenhelfer die Matratze, auf der Tosca nach ihrem Sprung vom Dach des Castel Sant’Angelo landen sollte, durch ein Trampolin ersetzt hatten – und die Vorstellung, dass die Sopranistin im tragischen Todesmoment wieder hochfedert, war unglaublich komisch. Aber die Musik hat mich immer tief berührt und tut es auch weiterhin.

HHH: Was ist an der Musik in TOSCA so besonders?

CB: Puccinis musikalischer Spannungsbogen ist sehr konventionell. Die Musik ist ganz nah an der Handlung und den Gefühlen der Figuren. Es ist Verismo – also Oper in einem sehr realistischen Stil – mit der Absicht, eine bestimmte Realität widerzuspiegeln. Ich freue mich über die Gelegenheit, das ganz anders zu machen, also die historisch-realistische Handlung fallen zu lassen und mich auf die Menschen und ihre Beziehungen zu konzentrieren. Ich will die Figuren von den Opernklischees befreien, ohne die Oper und die ihr wesenseigene Kraft zu zerstören.

Den Norske Opera: Tosca
© Foto: Erik Berg

 

Traum und Wirklichkeit

TOSCA spielt an besonderen Orten in Rom und während einer besonderen Zeit in der europäischen Geschichte. Das und die detaillierten Regieanweisungen vermittelten eine klare Idee davon, wie das Werk auf die Bühne gebracht werden sollte. Bieito möchte die Oper öffnen, indem er sie abstrakter und traumähnlicher gestaltet. Aber es ist auch ein Abbild der Realität, die der Bühnenregisseur um sich herum beobachtet.

„Es ist eine Geschichte über unsere Zeit, mit all den Machthungrigen, die über Leichen gehen und die Welt kontrollieren. Es ist grotesk.“

Calixto Bieito bezieht sich hier auf den am 21. Mai 2017 in El País veröffentlichten Artikel „La peligrosa parodia“ (Die gefährliche Parodie) des spanischen Autors Javier Marías. Marías beschreibt darin, wie internationale Politiker in den täglichen Nachrichten als leicht zu parodierende, groteske Charaktere erscheinen – was uns dabei hilft, sie auf Abstand zu halten.

„Auch Hitler, Mussolini und Stalin waren für viele Witzfiguren. Doch heute wissen wir, was dann passiert ist. Viele der heutigen Politiker scheren sich einen Dreck um ihr Volk. Genau wie Scarpia in TOSCA – ihm ist alles egal, solange seine eigenen Bedürfnisse befriedigt sind.  Scarpia konsumiert Frauen; er will Sex mit Tosca; wenn er den hatte, interessiert sie ihn nicht mehr, und er sucht sich eine Neue. Leider gibt es viele solcher Menschen”, sagt Bieito und zitiert Donald Trump: ‚Ich fühle mich automatisch zu schönen Frauen hingezogen – ich küsse sie einfach. Das ist wie ein Magnet. Einfach küssen. Ich warte noch nicht einmal. Als Promi kannst du dir alles leisten. Du kannst ihnen zwischen die Beine greifen. Einfach alles.’

Den Norske Opera: Tosca
© Foto: Erik Berg

 

Provokation und Unterhaltung

In Bietos TOSCA ist Mario Cavaradossi zwar immer noch Künstler, aber seine Malerei wird durch eine Installation ersetzt, mit der er Scarpia provoziert. 

HHH: Will Cavaradossi bewusst provozieren?

CB: Nein, er will nur frei sein und experimentieren. Ich stellte mir die künstlerische Verbundenheit zwischen Tosca und Cavardossi so ähnlich vor wie die von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely, die Jahrzehnte lang gemeinsam an Projekten und Installationen zusammengearbeitet haben. Und ich dachte, dass die Arbeit von Cavaradossi mit dem Klebeband und der Jungfrau Maria im ersten Akt in einer U-Bahn-Station in Paris oder Manhattan hätte stattfinden können. Er will nur etwas Verrücktes schaffen, im Hier und Jetzt. Die beiden sind junge, glückliche Menschen, die einfach frei sein wollen, in der Kunst ebenso wie in der Liebe.

„Vissi d’arte“, singt Tosca im zweiten Akt – „Ich lebte für die Kunst“. Für Bieito ist dies der wichtigste Satz der Oper: „Junge Künstler werden vom System erdrückt. Man will sie in eine Schublade stecken: ein vereinfachtes, kitschiges Klischee des ‚Künstlers‘ und dessen, was Kunst kann oder soll.“  

Den Norske Opera: Tosca
© Foto: Erik Berg

 

HHH: Stimmt das mit unserer heutigen Welt überein?
CB: Wir leben in einer Zeit, in der freie Kunst ständig bedroht und zu reiner Unterhaltung reduziert wird; etwas, das die Leute zufriedenstellt, das sie wollen und konsumieren.

HHH: Sie kritisieren also die zur Unterhaltung degradierte Kunst, nutzen selbst aber einen der größten kommerziellen Erfolge der Operngeschichte? 

CB: Ja, das macht Spaß. Es gefällt mir.

HHH: In Ihrer Inszenierung triumphiert schließlich Scarpa. Soll das eine Warnung sein?

CB: Nein. Es ist eine Darstellung dessen, was ich beobachte – ein Wirtschaftssystem, das die künstlerische Freiheit unterdrückt. Haben Sie bemerkt, dass in vielen Magazinen die Rubrik, die früher ‚Kunst‘ hieß, heute mit ‚Unterhaltung‘ oder ‚Kunst & Freizeit‘ betitelt ist?

HHH: Was ist an unterhaltsamer Kunst so verkehrt?

CB: Ich bin nicht grundsätzlich gegen Vergnügen, aber Belustigung sollte nicht das einzige Kriterium sein. Kunst sollte uns zum Nachdenken anregen und unsere gesamte Gefühlspalette ansprechen. Nur so kann sie uns befreien.

HHH: Wie?

CB: Kunst fordert uns heraus, weil sie keine klaren Antworten gibt und uns zum Nachdenken zwingt, während Unterhaltung kanalisiert und uns sagt: ‚Vergiss‘ einfach alles‘. Wie ein Betäubungsmittel.

Den Norske Opera: Tosca
© Foto: Erik Berg

 

HHH: Fühlen Sie sich als Künstler frei?

CB: Bei den Proben bin ich frei. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich überlebt hätte, wenn ich nicht genau das hätte tun können, was ich tue. Hätte ich mich nicht frei auszudrücken können, wäre ich wohl kaputt gegangen.

HHH: Wie Floria Tosca in der Schlussszene?

CB: Ja, ich denke, sie wird wahnsinnig. Und gleichzeitig versucht sie, ihren Geliebten zu beruhigen, so wie viele Mütter ihre Söhne und Ehemänner beruhigen wollten, die nach dem spanischen Bürgerkrieg verhaftet wurden: „Keine Angst, es wird schon nichts passieren“, sagten sie, „ich habe mit dem Offizier gesprochen.“ Sie sagten das, um ihre Männer in den letzten Momenten zu schützen; um ihre Hoffnung zu bewahren. Aber tatsächlich ist alles schon zu spät, und so ist es auch für Tosca und Cavaradossi. Der freie Künstler ist am Ende ein Clown, ein Ronald McDonald, ein Nichts.

Den Norske Opera: Tosca
© Foto: Erik Berg

 

HHH: Und sie sterben nicht?

CB: Eigentlich wollte Puccini nicht, dass Tosca stirbt. Aber ein Ende mit ihrem Tod ist kommerzieller, es bietet Lösungen: sie ist von ihrem Leid befreit und wir können trauern. Aber man kann auch verschwinden oder zum Nichts werden, ohne körperlich zu sterben: es reicht, wenn man seiner Menschenrechte, Arbeit, Meinungsfreiheit und Würde beraubt wird. Es gibt so viele Menschen, die durch die Maschen des gesellschaftlichen Systems fallen, auch in einem Land wie Norwegen. Ich habe das schon mit eigenen Augen gesehen, auf dem Fußweg zwischen dem Osloer Hauptbahnhof und dem Opernhaus.

Diesen Weg geht Calixto Bieitos bald zum letzten Mal, denn die TOSCA ist seine letzte Produktion als Gastregisseur des Den Norske Opera & Ballett.

 

TOSCA aus der Norwegischen Nationaloper auf THE OPERA PLATFORM